Die Idee einer "Medizin der Erde"  (Terra Medicine)

Terra Medicine

Die Terra Medicine ist eine Protowissenschaft, strenggenommen eine relative junge Protomedizin, welche auf 25 Jahre Wissenschaftsentwicklung zurückblicken kann. Aufgrund der großen Fortschritte im Bereich der Earth System Science, Sustainability Science, der One Health und Planetary Health Ansätze die die vorparadigmatische Phase hinter sich gelassen haben, kann auch die Terramedicine bis 2030 Normalwissenschaft werden. Sie ist eine der wenigen realistischen Alternativen für das  Geo-Engineering, sozusagen der nachhaltige PLAN B.

Geht es bei Geo-Engineering (Crutzen 2006) um "technische Eingriffe" in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe, etwa um die Klimaerwärmung oder die Versauerung der Meere zu bremsen, so ist ein Unterschied zur Terra Medicine der, dass es hierbei primär um "medizinisch begründete, präventive Eingriffe" geht. Ein dem Geo-Engineering ähnlicher Ansatz der hier derzeit diskutiert wird ist das Earth System Engineering and Management.

Erste Anfänge und Grundüberlegung

Die Idee einer Medizin der Erde ist unabhängig in verschiedenen Kontexten entstanden.  Im Rahmen einer Konferenz über Geophysiology der United Nations University (UNU), Tokio in Sao Jose dos Campos Brasilien 1985 (Dickinson 1987 -Teilnehmer waren u.a. J. Lovelock, P. Crutzen, W.Seiler und W.Manshard) wurde erstmals die Idee einer Medizin der Erde  in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt  (Manshard:1986, 267-274).  Auch der Philosoph Hans Jonas, dachte über "die fertige Wissenschaft von der globalen Krankheit und ihrer möglichen Heilung" und über die Notwendigkeit einer "integralen Umweltwissenschaft" nach (Jonas 1985,11-13). Ralf Stappen studierte an der Universität Bonn außerplanmäßig Geomedizin bzw. Terramedizin als experimenteller Pilotstudiengang (1985 bis 1989) und stellte die Ergebnisse auf der Conference on Ecology: "Models for Ecological Education and Research" der International Academy of Science im Rahmen des Kongress OEKOLOGIA, Wien 1989 vor. Eine erste popurärwissenschaftliche Publikation hierzu hat James Lovelock 1991 veröffentlicht (Lovelock 1991). James Lovelock hat danach die Idee nach 1992  nicht mehr weiterverfolgt. 

In jüngster Zeit wurde der Ansatz insbesondere durch Forschungsergebnisse des Potsdam Instituts für Klimafolgeforschung (H.J. Schellnhuber) über die Erdsystemanalyse vertieft und neu ausgerichtet. Für die Terramedicine ist eine neue Sichtweise der Erde, eine wie es John Schellnhuber ausdrückt "Zweite Kopernische Revolution" nötig:

This new revolution will be in a way a reversal  of the first: it will enable us to look back on our planet to perceive one single,  complex, dissipative, dynamic entity, far from thermodynamic equilibrium — the ‘Earth system’ (Schellnhuber 1999).

Grundüberlegung der Terramedicine ist der Gedanke, dass alle bestehenden Ansätze für die globale Problemlösung (= Therapie) nicht ausreichend sind. Der "medizinische Zustand der Erde" ist nach den vielfältigen Diagnosen, welche wir bereits heute kennen, sehr ernst und auch die Möglichkeiten von globalen Kippunkten kann nicht ausgeschlossen werden (Lenton 2008).  Es gibt derzeit keine wirksamen Therapien, weder die notwendigen Instrumente, noch gibt es genügend qualifizierte (= qualifizierte Ausbildung) Spezialisten. Die Kluft zwischen den qualitativ und quantitativ wachsenden Problemen und der möglichen Problemlösungen wächst. Diese wachsende Kluft ist wahrscheinlich das größte Risiko im 21. Jahrhundert und kann im Extremfall zur vollständigen globalen Handlungsunfähigkeit führen.

Referenzen:

Dickinson, RE.: The Geophysology of Amazonia. Vegetation and Climate Interactions. 1987

Crutzen, P.J.: An Example of Geo-Engineering. Cooling Down Earth's Climate by Sulfur Emissions in the Stratosphere. In: Werner Arber: Predictability in science. Accuracy and limitations. The Proceedings of the plenary session, 3–6 November 2006. Pontifical Academy of Sciences, Vatican City 2008, ISBN 978-88-7761-094-2, (Pontificiae Academiae Scientiarum acta 19), S. 83–97.

Manshard, W.: Geophysiologie. Gedanken zu einer neuen Arbeitsrichtung im Tropenprogramm der United Nations University. In: Geoökodynamik. Band 7, 267-274. Darmstadt 1986

Lenton, T., Held, H., Kriegler, E., Hall, J., Lucht, W., Rahmstorf S. and Schellnhuber, H. J. (2008) Tipping elements in the Earth's climate system. PNAS 105, 1786H.

Lovelock, J.: GAIA - The practical science of planetary medicine". London 1991 , Oxford University Press (2001 ed.) ISBN 0195216741

Jonas,H.: Technik, Medizin und Ethik : Zur Praxis des Prinzips Verantwortung. - Frankfurt a.M. : Suhrkamp, 1996

Stappen,RK: Terramedizin und Master for Sustainable Development - Zwei Konzepte für innovative Modellstudiengänge. In: Stadt Güstrow: Konferenz Güstrow 2000 (ISBN 3-00-007218-7). 283-285

Schellnhuber,HJ: Earth System Analysis for Sustainability.Dahlem Workshop Reports. The MIT Press, Cambridge 2004

Schellnhuber, H J 1999. “'Earth system' analysis and the Second Copernican Revolution”. In: Nature,. Vol. 402 (1999), pp. C19-C23